Die Abkürzung A.I.R. steht für "Artists in Residencies". Internationale Künstlerresidenzen sind eine großartige Möglichkeit, sich unter geänderten Bedingungen fern der Heimat seiner Kunst zu widmen, Kontakte zu knüpfen, Netzwerke zu erweitern. Man lernt fremde Standpunkte kennen, man relativiert die eigene Position. Das geschieht meist im Schutze eines Künstlerhauses, doch hat man Zeit genug, um Land und Leute weit jenseits eines meist oberflächlichen touristischen Besuchs zu erleben.
Ein anderer Aspekt ist die künstlerische Freiheit, die man in diesen Situationen gewinnt; es ist ähnlich wie im Studium, man kann probieren, kann experimentieren, hat Zeit, über Tun und Lassen nachzudenken, man muß nicht produzieren. Die Ergebnisse sind oft überraschend und öffnen neue Wege.
Es gibt zwei Arten von Residencies, die einen bezahlt man selbst, die anderen werden als Stipendien ausgeschrieben. Beiden gemein ist, daß man ein schlüssiges Konzept und ein Portfolio für den geplanten Aufenthalt einreichen muß, daß von einer Fachjury bewertet wird, bevor man im Idealfall eine Einladung erhält.
Ich habe an zwei Residencies teilgenommen. The Arctic Circle in und um Svalbard verlangte einen hohe Betrag. Meine Teilnahme wurde möglich, weil das schleswig-holsteinische Bildungsministerium mich großzügig unterstützt hat. Der Aufenthalt in China wurde mir als Stipendium einer Organisation in Jingdezhen gewährt, die sich um die Sichtbarmachung des kulturellen Erbes, speziell der Keramik, bemüht. Sie wird vom chinesischen Staat getragen.
Mehrmals war ich auf Symposien. Im alten Griechenland bezeichnete der Ausdruck das "gemeinsame Trinken" bei oder nach einem Mahl in geselliger Runde. Ja, selbstverständlich taten wir auch dies, doch im Vordergrund stand die künstlerische Beschäftigung mit unserem jeweiligen Gastland. In der Ausstellung gehen wir auf zwei dieser Aufenthalte ein, nämlich die Reise auf die Lofoten 2010 und das Ladakh-Symposion 2018. Unsere Symposien waren selbstorganisiert, als Kollegen sind wir gemeinsam gereist und als Freunde zurückgekehrt.
Auf Einladung unseres Freundes und Kollegen Christian-Ivar Hammerbeck reisten wir in den Norden und bezogen das Künstlerhaus in Svolvær. Fünf KollegInnen waren wir, darunter Kerstin Mempel, Susanne Kallenbach und ich. Wir lernten, wie der moderne Mensch sich nördlich des Polarkreises mit der Natur arrangiert und seine industriellen Strukturen über das Land legt. Eine Winterreise in eine zauberhafte, gut erschlossene Landschaft. Wir konnten über die Inseln fahren, zur einen Seite hohe, schneebedeckte Berge, zur anderen der Nordatlantik. Auf den Straßen mußte man sich vor Elchen und Rentieren inachtnehmen, aber sehr viel häufiger und gefährlicher waren die Kühllaster, die den Lachs aus den Zuchtbassins nach Europa und in die Welt transportierten.
Wir sahen all diese Eingriffe in die Natur, doch brachten wir sie noch nicht mit dem damals langsam ins Bewußtsein dringenden Klimawandel in Verbindung.

Stamsund (Lofoten), 2010, Fotografie
Die blaue Stunde bringt intensive Farbigkeit zustande. Das natürliche Licht ist fast vergangen. Die Natur wirkt gezähmt. Menschliche Artefakte behaupten sich durch Farbe.
Wir hatten uns zu viert auf diese Reise in den Trans-Himalaya gemacht. Volker Altenhof war noch mit von der Partie. Wieder ging es in einen abgelegenen Teil der Erde. Eine 3500 m hoch gelegene Trockenwüste mit Bergpanoramen von überirdischer Schönheit. Als westlichster Zipfel des ehemaligen Tibet ist das Land stark durch diese Kultur geprägt. Der Dalai Lama hat dort eine Sommerresidenz und hält bzw. hielt regelmäßige Teachings, was zum Zusammenhalt der Gemeinschaft beiträgt. Wir wurden damit konfrontiert, daß Landschaft und traditionelle Lebensweisen durch Machtstrukturen überlagert werden. Als Grenzland zu China ist viel indisches Militär sichtbar. Ein wachsender Tourismus tut ein Übriges, um dem Land die Unschuld zu nehmen. Dennoch konnten wir, im Beisein einer schweizer Kunsthistorikerin, Klöster und spirituelle Räume im Detail erleben und viel über eine Gemeinschaft erfahren, in der unterschiedliche Religionen zusammenwirken. Wir trafen auf vollständig aggressionsfreie Menschen, die gewohnt sind, Konflikten mit positiver Energie zu begegnen. Einschränkend sei bemerkt, daß sich inzwischen einiges geändert hat, nachdem Ladakh seit 2019 nicht mehr autonom regiert wird, sondern zum indischen Unionsterritorium gehört.
In Ladakh kann man den Klimawandel hautnah erleben. Noch vor wenigen Jahren war es im Sommer trocken und heiß. Inzwischen dringt der Monsunregen sommers ins Land und sorgt für Erdrutsche und Zerstörungen. Im Winter bleibt der Niederschlag dagegen aus. Die Gletscher, die hinter den Bergen liegen und die großen Ströme mit Schmelzwasser speisen, tauen langsam ab und ziehen sich zurück. Dadurch kommt es bereits zu Trinkwasserproblemen, der wachsende Tourismus ist nicht unschuldig an der Situation. Die Menschen passen sich dieser Umstellung nur schwer an. Doch gibt es Lichtgestalten, wie Sonam Wangchuk, Ingenieur, Erfinder, Bildungsreformer, der Schneemassen im Winter zu riesigen Eis-Stupas auftürmt, um für einen Teil des Sommers die Wasserversorgung sicherzustellen. Als Aktivist fordert er die Autonomie des Landes. Deshalb wird er von Indien als Feind behandelt. Mit Hungerstreiks und Teachings schafft er Aufmerksamkeit, die Regierung reagierte zuletzt mit seiner Inhaftierung.

Tschörten (Ladakh), 2019, Dispersion auf Karton, 66 x 66 cm
Tschörten, bekannt auch als Stupas, enthalten Reliquien, selten Gebeine. Durch ihre Form können sie sich mit dem Himmel verbinden. Sie sind, wie alle traditionellen Gebäude, aus Lehm errichtet, mit Pappel- und Weidenholz als Bewehrung der waagerechten Elemente. Malerisch attraktiv ist die weiße Kalkung, die als Wetterschutz dient. Durch Erosion werden die Bauwerke sehr allmählich in die Erde zurückgeführt. Das kann durchaus mal 800 Jahre dauern. Dann ist nur noch ein kleines Häufchen erkennbar, das aber nach wie vor regelmäßig gekalkt wird.
Kein wirkliches Symposion. Eine Reise, doch nie ohne Betrachtung von und Diskussion über Kunst, ohne Skizzen, Konzepte und Fotos. Su Kallenbach und ich waren unterwegs in Begleitung unseres Sohnes. Von Marrakesch aus erkundeten wir einen Teil des Landes und kamen bis zu den nördlichen Ausläufern der Sahara. Wieder eine Wüste, nach Ladakh die zweite.
Wüsten sind Biotope, wie alle anderen Landschaften. Den Unterschied zu dem, was der Mitteleuropäer so gewohnt ist und für normal hält, ist der Mangel an Vegetation und Leben. Doch das scheint nur so. Selbst in den kargen Sänden der Sahara gibt es Pflanzen, Käfer, Reptilien und Säugetiere. Und vermutlich vieles mehr, fragen sie bitte einen Biologen, den sie schätzen.
Die Höhe des Himmels
Das Gleißen
Der Horizont vibriert
Im Rhythmus der Stille
Die Grenzen des Nichts
Der Grad der Trübung
Die Textur des Windes
Die Spur des Flüssigen
Das Mächtige wird zerrieben
Die Wüste dahinter
Das Entstehen von Schatten in der DunkelheitMißtrau der Idylle.

morocco II, Fotografie aus der marokkanischen Sahara (2019), digital übermalt (2024).
Die Aufnahme ist durchgehend unscharf. Ein dunkelrot ockeriger Bereich liegt unterhalb eines matten Blaus – eine vage Landschaftsassoziation entsteht. Darüber liegt eine streifig texturierte Übermalung, die an eine Tanzchoreografie erinnert. Die Herkunft der Bewegung bleibt unklar: Spuren von Windverwirbelungen? Angedeutete Vegetation? Fantasmagorien?
Eine Künstlerresidenz in der Arktis, dazu auf einem Segelschiff, dreißig Kollegen aller Kunstsparten und aus aller Welt. An einem der vermeintlich entlegendsten Orte der Welt Kunst zu schaffen, in der Enge eines Bootes, was bedeutet das? Eine spannende und intensive Erfahrung.
In Longyearbyen gibt es in der Nähe unserer ersten Unterkunft ein Graffiti „Größer als das Leben“. Damit hatte ich mein Motto, denn was ich erlebt habe in seiner Intensität, hat den allertiefsten Eindruck bei mir hinterlassen. Eine sehr emotionale Reise.
Die Abgeschiedenheit dieser Gewässer, die Kargheit der Vegetation, die Unendlichkeit des Packeises lassen an heile Welt denken. Doch man wird von Stunde zu Stunde sensibler für die Bedrohung dieser Wüste und ihrer Bedeutung für den gesamten Planeten. Wir alle kennen die Schlagworte dazu, Tourismus, Überfischung, schmelzende Gletscher und Polkappen, Vermüllung der Ozeane. Doch dies mit eigenen Augen zu erleben und in Bild und Text zu verarbeiten war eine Offenbarung.
Nach der Rückkehr bin ich ein anderer Mensch. Mein Denken hat sich geändert. Ich habe etwas Wesentliches erfahren. Das Wiedereinleben zuhause geschieht widerwillig und unter Krämpfen. Ich sehe nur Unsinn und Belanglosigkeit um mich herum. Der tiefe Eindruck dieser Reise hält viele Monate an und ist noch heute spürbar.

Hunters (Spitzbergen), 2024, Steinzeug glasiert, Rakubrand, geräuchert, 35 x 35 cm
Jäger im Schnee, eine Raku-Arbeit, die das Licht und die blendende Farblosigkeit der Arktis in Anthrazit und Weiß umsetzt. Nur die Figur in der Mitte ist bewaffnet, allerdings zum Schutz der Gruppe vor Eisbären, die wiederum unter strengstem Schutz stehen. Nur in absoluten Notfällen darf ein Tier getötet werden. Wachsamkeit ist erforderlich; auf 2000 Bewohner Spitzbergens kommen 3000 Eisbären. Die Jäger sehen gefährlich aus, doch es sind Künstler mit Kameras, Mikrofonen, Zeichenblöcken, Notizbüchern und guten Absichten.
Ich bin von Haus aus Maler und hatte nur sehr wenig Erfahrung mit Keramik. Außerdem hatte mein Konzept für die Residency nur bedingt etwas mit China zu tun. Dennoch hat die Jury entschieden, mich für dieses Stipendium auszuwählen. Ich denke, es war einleuchtend, daß ich meine Eindrücke aus der Arktis 2024 mithilfe des traditionellen keramischen Materials umsetzen wollte. Das Porzellan, das in Jingdezhen verfügbar ist, hat eine einzigartige Transluzenz. Der Farbauftrag mit ebenfalls traditionellen blauen Farbkörpern und das schmelzende grün-blau der verschiedenen Celadonglasuren bieten erstklassige Voraussetzungen, um das Leuchten des Eises und die Farben der Gletscher abzubilden.
Im vergangenen Jahr 2024 habe ich Bilder aus der Arktis auf Raku-gebrannten Steinzeugtafeln mit Glasuren gemalt. Durch das Räuchern der Platten und der dadurch verursachten schwarz-grauen Färbung der unglasierten Stellen ergab sich ein seltsamer Negativ-Effekt, der überraschenderweise plausibel und überzeugend wirkt. Unter anderem mit diesen Platten habe ich mich für Taoxichuan beworben.
Susanne Kallenbach und ich sind gemeinsam dort gewesen.

Ice Drift, 2025, Porzellan, glasiert, Farbkörper, 26,5 x 41 cm